Reportage über das Muzeum Susch für «Frankfurter Allgemeine Woche»

Kunst in Spitzenlage

Die polnische Sammlerin Grazyna Kulczyk hat im abgelegenen Engadiner Dorf Susch ein Museum gebaut. Warum gerade hier? Eine Ortsbegehung.

Im schweizerischen Susch, einem Zweihundert-Seelen-Dorf am Fuß des Vereinapasses, wird es spät hell und früh dunkel. Wenn keine Sonnenstrahlen in den Taleinschnitt fallen, weht ein kalter Wind, von dem sich Besucher leicht eine Erkältung holen. Keinem Dorf im Engadin ist so wenig Sonne vergönnt wie Susch. Darum liegt auch Ende April noch Schnee an den Hängen, auf deren felsigen Böden in 1400 Meter Höhe nurmehr Nadelbäume wachsen. Der Himmel über Susch wirkt eng, das Klima ist rau. Ski kann man hier nicht fahren, es gibt keine historischen Sehenswürdigkeiten und kein archaisches Brauchtum zu bewundern. Und doch dürften immer mehr Menschen froh darüber sein, dass die Rhätische Bahn seit Anfang dieses Jahres schon in Landquart auf die Haltestelle Susch (von einem Bahn zu reden, wäre völlig übertrieben) hinweist. Seitdem nämlich hat das Dorf nebst einer Fachklinik für Burnout auch ein Museum für zeitgenössische Kunst.

Die Idee, ausgerechnet in Susch ein Museum einzurichten, hatte die polnische Unternehmerin, Milliardärin und Kunstsammlerin Grazyna Kulczyk. Sie wohnte schon seit einigen Jahren in Tschlin, einem malerischen Weiler im Unterengadin, als sie durch Zufall auf ein altes Gebäude in Susch aufmerksam wurde. Einst beherbergte es eine Brauerei und noch früher ein Kloster, das der Reformation zum Opfer fiel. Grazyna Kulczyk kaufte das Anwesen und erwarb dazu die umliegenden Häuser, immer mit dem Ziel vor Augen, hier ihre Kunstsammlung zu zeigen. Nach langwierigen und aufwendigen Renovierungsarbeiten ist ein Zentrum für zeitgenössische Kunst entstanden, fernab der internationalen Kunstmetropolen, in einem Dorf, in dem es nur einen winzigen Laden gibt, der mittags schon schließt.

Die Abgelegenheit gehöre zum Konzept, versichert Grazyna Kulczyk. Das ist angesichts früherer Pläne der Achtundsechzigjährigen einigermaßen überraschend. Diese sahen nämlich ein Museum in Kulczyks Heimatstadt Posen vor. Der preisgekrönte japanische Architekt Tadao Ando war als Gestalter großzügiger Ausstellungsräume im Gespräch. Doch aus den Plänen wurde nichts. Und auch in Warschau stießen Grazyna Kulczyks Ideen auf wenig Gegenliebe. Über die Gründe für ihr Scheitern redet die studierte Juristin, die mit Beteiligungen an internationalen Konzernen und Investitionen an Bauprojekten in Posen ihr Vermögen aufgebaut hat, nicht gern. Beim Gespräch in ihrem Museum in Susch sagt sie nur: «Dass die öffentliche Hand mit Privaten zusammenarbeitet, kennt man in Polen nicht. Darum entschied ich mich, meine Projekte anderswo zu realisieren.»

Feminismus vor Alpenpanorama

In der Schweiz freute man sich über ihren Unternehmergeist und ihr Geld. Die Zeitung «Südostschweiz» will wissen, dass das «Muzeum Susch», wie es offiziell heißt, um die dreißig Millionen Schweizer Franken verschlungen hat. Für die Unternehmerin dürfte das im Vergleich zu dem, was ihre Bauvorhaben in Polen gekostet hätten, wenig sein. Für das Dorf ist es eine Großinvestition in den Fremdenverkehr, wie die Kommune selbst sie niemals hätte leisten können. Nach den Vorzügen der Abgeschiedenheit gefragt, gerät Grazyna Kulczyk ins Schwärmen. «Nehmen Sie die Tate Modern. Die ist wundervoll, aber viel zu groß und immer viel zu voll. Da kann ich mich gar nicht auf meine liebsten Kunstwerke konzentrieren.» Um sich auf Kunst einzulassen, brauche es Zeit und Raum – und davon gebe es in Susch genug. «Die Räumlichkeiten sind fast tausend Jahre alt. Hier kommt dem Faktor Zeit eine ganz andere Bedeutung zu als mitten in der Großstadt.» In Susch könne man mit den Werken in einen Dialog treten, der anderswo unmöglich wäre, sagt sie und empfiehlt zur Vorbereitung auf das meditative Sicherversenken: «Schauen Sie sich die Berge an. die sind riesig und uralt. Das hilft Ihnen dabei, Ihren Alltag hinter sich zu lassen und Ihren Blick für das Wesentliche freizumachen.» Schon auf der Zugfahrt – von Zürich braucht man gut zwei Stunden – hat man dazu ausreichend Gelegenheit.

Die aktuelle Ausstellung trägt den Titel «A Woman Looking at Men Looking at Women» – Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen – und zeigt Werke von Künstlerinnen mit feministischem Ansatz neben Arbeiten von Künstlern, die sich aus dezidiert weiblicher Perspektive anders lesen lassen. Das Loch in der Leinwand von Lucio Fontanas «Concetto Spaziale» erhält eine andere Konnotation, wenn daneben in der Gipsplastik «Hommage à Fontana II» von Mária Bartuszová zu sehen ist, wie einem Schnitt ein Ei entschlüpft. Der Schnitt, der, durch Leinwände geführt, Fontana berühmt gemacht hat, ist nicht mehr Symbol der Zerstörung, sondern der Fruchtbarkeit.

So wird der Blickwechsel provoziert, den der Titel verspricht. Grazyna Kulczyk folgt den internationalen Trends, weibliche Positionen in der Kunst zu stärken. Zusammengestellt hat die Schau, die große Namen wie Louise Bourgeois, Marlene Dumas und Miroslaw Balka neben Arbeiten junger, noch wenig bekannter Künstler stellt, die Kuratorin der Tate Liverpool, Kasia Redzisz. Sie präsentiert Werke aus Kulczyks rund dreihundert Objekte umfassender Sammlung und bereichert diese mit Leihgaben aus Museen, Stiftungen und Privatsammlungen.

Zeitgenössisch wie die Kunst ist auch das Informationskonzept. Anstelle von Wandtexten dient eine Smartphone-App der Orientierung. Sie ermittelt die genaue Position der Besucher in den Museumsräumen und bietet ausführliche Informationen zu den Künstlern und ihren Werken an. Außerdem lädt die Kuratorin in der App selbst zur Videoführung ein.

Abgeschiedenheit muss eben nicht Weltvergessenheit bedeuten. Grazyna Kulczyk erinnert an das Streitgespräch zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer, das 1929 in Davos stattfand und unter dem Titel «Davoser Disputation» berühmt wurde. An diese Tradition möchte sie anschließen und das Museum zu einem Kunstcampus ausbauen mit einem kleinen Forschungsinstitut, Künstlerresidenzen, Podiumsgesprächen und Veranstaltungen mit Performancekunst.

Die unberührte Natur als idealer Denk- und Lebensraum für den Menschen und als Ort umfassender Heilung – das ist eine Vorstellung, die im 19. Jahrhundert populär wurde. Johanna Spyris «Heidi»-Romane beruhen darauf. Als sie geschrieben wurde, reihte sich in der Nähe von Susch Höhenklinik an Höhenklinik. Nicht nur Patienten mit Tuberkulose, sondern auch Nervenkranke sollten in der Bergluft genesen. Heute gibt es nur noch eine Klinik am Ort, die auf Burnout-Therapie spezialisierte Clinica Holistica Engiadina. Ihr Chefarzt Michael Pfaff weiß über die Therapieansätze früherer Zeiten: «Man ging davon aus, dass der Nervenapparat dieser Menschen überreizt sei, und versuchte das mit dem Gegenteil von Überreizung zu kurieren: mit Beruhigung. Das ist der eigentliche Ursprung von dem, was wir heute immer noch tun».

Beruhigung in der Natur oder Anregung durch Kunst: Klinik und Museum wollen auf unterschiedliche Weise von der Reizarmut der Gegend profitieren. Und sie tun es. In den ersten drei Monaten des Jahres zählte Grazyna Kulczyks Ausstellung 8000 Besucher, das Vierzigfache der Suscher Bevölkerung. Und die Suscher selbst? «Ich habe meinen Mann zur Museumseröffnung geschickt. Ich selber bin noch nicht dazu gekommen, hinzugehen», sagt die Verkäuferin im Dorfladen.

Erschienen am 26. April 2019. © Frankfurter Allgemeine Zeitung 2019.